Keine Rückkehr zu Fehlanreizen !
Die Gesellschaft für Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen in Deutschland e. V. (GKinD) sieht die aktuellen gesundheitspolitischen Entwicklungen und den Fauxpas über ein geleaktes Papier (Inhalt: Abschaffung Pflegepersonalbemessungsinstrument sowie Rückführung der Vergütung von Pflegepersonalkosten in das DRG System) mit großer Sorge. Geplante Einschränkungen bei der Finanzierung pflegerischer Leistungen, Überlegungen zur Abschaffung bewährter Instrumente der Personalbemessung sowie eine Abkehr von bereits eingeschlagenen Wegen zur Verbesserung der Pflegequalität durch ein Personalbemessungssystem gefährden aus unserer Sicht die sichere Versorgung kranker Kinder und Jugendlicher.
Eine zukunftsfähige Gesundheitspolitik darf keine Rückschritte bei der Entwicklung bedarfsgerechter Personalbemessung diskutieren und doch kursierte vergangene Woche ein Papier in der Öffentlichkeit, dessen Inhalt Vorschläge über die Rückführung der Pflegepersonalkosten in das DRG – System sowie die Abschaffung des Personalbemessungsinstruments PPR2.0 beinhaltet. Gerade in der Kinder- und Jugendmedizin entscheidet eine an den pflegeaufwand angepasste Zahl qualifizierter Pflegefachkräfte wesentlich über die Qualität und Sicherheit der Versorgung.
Mit der Weiterentwicklung der Pflegepersonalregelung (PPR) wurden wichtige Schritte hin zu einer aufwandsbezogenen Pflegebedarfsbemessung unternommen. Die Kinder-PPR 2.0 und die Kinderintensiv-PPR 2.0 knüpfen an die Erfahrungen der PPR aus den 1990er Jahren an und wurden im Kinderbereich durch GKinD gezielt weiterentwickelt, um den tatsächlichen Pflegebedarf von Kindern und Jugendlichen besser abzubilden. Dieser Weg muss konsequent fortgesetzt werden.
Wenn politische Entscheidungen den Eindruck vermitteln, dass jahrelange fachliche Entwicklungsarbeit plötzlich infrage gestellt wird (zulasten der Pflegefachpersonen und ohne Alternativkonzept) ist das für die Pflegefachpersonen ein fatales Signal. Sie erwarten zu Recht Verlässlichkeit und die Stärkung ihrer Profession. Ein Hin und Her bei grundlegenden Instrumenten der Pflegepersonalbemessung schwächt Vertrauen und konterkariert alle Bemühungen, den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten. Zudem stünde das Handeln im Gegensatz zum Versprechen im Koalitionsvertrag der 21. Legislaturperiode, in dem es heißt: „Wir wollen eine gute, bedarfsgerechte und bezahlbare medizinische und pflegerische Versorgung für die Menschen im ganzen Land sichern. (…) und verbessern die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten im Gesundheitswesen.“[1]
Auch die Diskussion um die Deckelung des Pflegebudgets bereitet den Kinderkliniken und Abteilungen große Sorge. Eine Deckelung finanzieller Mittel darf nicht dazu führen, dass notwendige Pflegeleistungen nicht mehr erbracht werden können oder Personalstrukturen entstehen, die dem tatsächlichen Bedarf schwer kranker Kinder nicht entsprechen. Schon heute arbeiten viele Teams in der Kinder- und Jugendmedizin unter hoher Belastung.
Die Folgen einer unzureichenden Personalausstattung in der Kinder- und Jugendmedizin sind gravierend:
- Qualitätsverluste in der Versorgung durch fehlende Zeit für individuelle Pflege und Betreuung schwer kranker Säuglinge, Kinder und Jugendlicher
- steigende Belastungen für Pflegefachpersonen mit höherem Risiko für Überlastung und Berufsausstieg; weniger Kapazität für Einarbeitung, Praxisanleitung und Fort- und Weiterbildung
- zunehmende Fachkräfteengpässe, wenn der Pflegeberuf durch unsichere Rahmenbedingungen und Vertrauensverlust in die Politik weiter an Attraktivität verliert
- Einschränkungen medizinischer und pflegerischer Angebote sowie längere Wartezeiten für Familien
- Gefährdung der Patientensicherheit durch Risiko, klinische Verschlechterungen bei hohem Patientenaufkommen später zu erkennen
- Ökonomische Belastungen der Kliniken durch Personalfluktuation und Rekrutierungsaufwand; ggf. längere Krankenhausaufenthalte, höhere Wiederaufnahmeraten
Kinderkliniken brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, um auch zukünftig eine hochwertige und sichere Versorgung gewährleisten zu können. Dazu gehört eine auskömmliche Finanzierung, eine konsequente Weiterentwicklung der Personalbemessung und eine Gesundheitspolitik, die die besonderen Anforderungen der Pädiatrie berücksichtigt. Ökonomische Nachhaltigkeit bedeutet unserem Verständnis keine kurzfristige Kostensenkung, sondern vielmehr die Sicherung effizienter und sicherer Versorgung.
Die Versorgung von Kindern und Jugendlichen ist eine gesellschaftliche Verantwortung. Politische Entscheidungsträger sind dazu aufgefordert in qualifizierte Pflege zu investieren und den eingeschlagenen Weg zur bedarfsgerechten Personalbemessung weitergehen.
[1] Koalitionsvertrag zwischen CDU/ CSU und SPD, 21. Legislaturperiode, Zeile 3343 - 3346